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Operation Epsilon

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 (2023) (2023)

Dieter Hoffmann (Hrsg.)
Operation Epsilon
Die Farm-Hall-Protokolle erstmals vollständig, ergänzt um zeitgenössische Briefe und weitere Dokumente der 1945 in England internierten deutschen Atomforscher
588 Seiten, 57 Abb., Gb., 44,80 Euro
ISBN 978-3-86225-111-7
(Erscheint am 14. Februar 2023)
Einzigartige Dokumente zur Geschichte der Kernforschung im Dritten Reich.

 

Zur Neu-Edition der Farm-Hall-Protokolle

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Als im Sommer 1993 der deutsche Erstdruck von Operation Epsilon – Die Farm Hall-Protokolle oder die Angst der Alliierten vor der Deutschen Atombombe im Verlag Rowohlt Berlin erschien, da erregte das Buch einiges Aufsehen. Dies war vor allem der Tatsache geschuldet, dass es nicht nur bei Historikern und Physikern ein großes Interesse für die Geschichte und Hintergründe des deutschen Uranprojekts im nationalsozialistischen Deutschland gab, sondern der Problemkomplex auch eine breite Öffentlichkeit berührte. Dafür stand beispielsweise der zweiteilige Fernsehfilm Ende der Unschuld von Frank Beyer (Regie) und Wolfgang Menge (Drehbuch) aus dem Jahre 1991, der kurz nach Mauerfall und Wiedervereinigung die Schauspielelite aus Ost und West vereinte und ein ungewöhnlich starkes Medienecho fand. Der Film reihte sich ein in Diskussionen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des Dritten Reichs insbesondere im deutschen und angelsächsischen Sprachraum geführt und von Publikationen maßgeblicher Akteure wie Samuel A. Goudsmit, General Leslie R. Groves oder Werner Heisenberg sowie nicht zuletzt vom Buch Heller als Tausend Sonnen des Wissenschaftspublizisten und Zukunftsforschers Robert Jungk getragen wurden – die Einleitung des Erstdrucks von Operation Epsilon liefert dazu einen einführenden Überblick (S. 11 ff. der vorliegenden Ausgabe).

Auch heute ist das Interesse am Problemkomplex „deutsche Atombombe“ nach wie vor groß und wird periodisch immer wieder angefacht, insbesondere dann, wenn neue Dokumente auftauchen und zu interpretieren sind oder neue Sichtweisen bzw. Fiktionen zum Thema die Runde machen – so im Anschluss an die Uraufführung von Michael Frayns Schauspiel Copenhagen (1998) über das Treffen von Werner Heisenberg und Niels Bohr im von Nazi-Deutschland besetzten Kopenhagen im Herbst 1941 oder im Zusammenhang mit dem Buch Hitlers Bombe (2005) des Berliner Historikers Rainer Karlsch und den dort entwickelten Spekulationen über deutsche Kernwaffenversuche in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Ebenfalls erwähnenswert ist der Blick des Göttinger Historikers Gerhard Oexle auf Farm-Hall und der zentralen Rolle, die er der Internierung in England für die Transformation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Max-Planck-Gesellschaft zuweist. Jüngst wurde zudem vom Karlsruher Kernphysiker Manfred Popp eine Kontroverse entfacht, ob das deutsche Uranprojekt prinzipiell imstande gewesen sei, eine Atombombe zu entwickeln, wobei die Farm-Hall-Protokolle gewissermaßen zum Kronzeugen mutierten. Darüber hinaus sind die Protokolle auch literarisch ausgeschlachtet worden. So gab es Dramatisierungen der Protokolle am Schauspiel Hannover (1995, in der Bearbeitung von Alfred Nordmann und Hartmut Wickert) und am E. T. A. Hoffmann-Theater in Bamberg („Die Bombe“ 2014, in der Bearbeitungen von Rainer Lewandowski) sowie jüngst durch den amerikanischen Physikhistoriker David Cassidy; dem Münchener Schriftsteller und Sinologen Richard von Schirach dienten die Protokolle zudem als Folie für einen umfänglichen Essay mit grundsätzlichen (aber wissenschaftshistorisch höchst problematischen) Reflexionen zum Verhalten deutscher Physiker während des Dritten Reichs im Spannungsfeld von Genie, Hybris, Schuld und Naivität.

Seit dem Erscheinen von Operation Epsilon im Sommer 1993 ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen und es liegen weltweit ungezählte Meinungsäußerungen zu den Farm-Hall-Protokollen in Gestalt von Aufsätzen, Rezensionen und Leserzuschriften (nicht zuletzt von Zeitzeugen) vor; auch ist inzwischen die Literatur zum Problemkomplex deutsche Atombombe und die Rolle deutscher Kernphysiker im Dritten Reich weiter angewachsen, so dass eine auch nur einigermaßen vollständige Dokumentation zum Thema über den Rahmen dieser Einführung weit hinaus gehen würde und daher darauf verzichtet wird. Allerdings sollen nachfolgend in gebotener Kürze die bisher erschienenen Editionen der Farm-Hall-Protokolle Erwähnung finden.

Parallel und praktisch zeitgleich mit der deutschen Ausgabe erschien ebenfalls im Sommer 1993 eine englische Edition der Farm-Hall-Protokolle. Die Edition wurde vom Londoner The Institute of Physics, d. h. der 1874 gegründeten Fachgesellschaft der britischen und irischen Physiker besorgt, der eine 13-seitige Einführung von Charles C. Frank vorangestellt wurde. Dieser erläutert als Physiker, Zeitzeuge und einstiger Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes (in dieser Eigenschaft hatte er Farm Hall auch wiederholt besucht) den wissenschaftlichen und historischen Kontext der Protokolle und des deutschen Uran-Projektes. 1994 folgte eine Publikation des Münchener Heisenberg-Biographen Helmut Rechenberg, bei der zentrale Teile der Protokolle dokumentiert und im Sinne einer Exegese ausführlich physikhistorisch kommentiert werden. Last but not least gibt es noch die gewichtige Ausgabe von Jeremy Bernstein aus dem Jahre 1996, die in zahllosen Fußnoten großen Wert auf die Erläuterung der in Farm Hall geführten fachphysikalischen Diskussionen legt und nicht zuletzt zu erklären versucht, warum die deutschen Physiker im vermeintlichen Wettlauf um die Atombombe demütigend deklassiert wurden. Dass die Farm-Hall Protokolle nicht nur im deutschen und angelsächsischen Sprachraum auf großes Interesse stoßen, macht die Tatsache deutlich, dass die englische Edition der Protokolle sowie die von J. Bernstein auch ins Italienische übersetzt wurden.

Die vorliegende Neuausgabe der Farm-Hall-Protokolle ist nicht nur eine korrigierte, sondern auch wesentlich ergänzte Fassung der Edition von 1993. Die Ergänzungen betreffen den zentralen Vortrag von Werner Heisenberg am 14. August 1945 über die Funktionsweise der Atombombe (Fünfter Bericht III.9, S. 234 – 257) und das Gespräch zwischen Paul Harteck und Otto Hahn über die Produktion von schwerem Wasser vom 23. September 1945 (Neunter Bericht, Anhang S. 326 – 330). Damit liegen die Protokolle nun erstmals vollständig in deutscher Sprache vor.

Ebenfalls erfuhr die vorliegende Edition eine maßgebliche Erweiterung durch die Aufnahme eines relativ umfangreichen Dokumentenanhangs (S. 409 ff.). Dieser soll im Kontrast bzw. in Ergänzung zu den Geheimdienst‐Transkripten in Briefen, Tagebucheintragungen und anderen zeitgenössischen Dokumenten einen komplementären und ergänzenden Blick auf Farm Hall werfen und die Internierten selbst und nicht allein durch die selektiven Tonbandprotokolle der Geheimdienste zu Worte kommen lassen.

Neben dem Dokumentenanhang wurden die Protokolle zur Illustration und Erläuterung von dargelegten Zusammenhängen um weitere Bilder und Faksimiles ergänzt und durch Anmerkungen erweitert, wobei auch zahlreiche weitere, bislang keiner Person zuordenbare Namen aufgelöst werden konnten und im Protokolltext in korrigierter Form verwendet wurden.

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Berlin, im Herbst 2022
Dieter Hoffmann

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