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Operation Epsilon

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 (2019) (2019)

Dieter Hoffmann (Hrsg.)
Operation Epsilon
Die Farm-Hall-Protokolle oder Die Angst der Alliierten vor der deutschen Atombombe
ca. 480 Seiten, zahlr. Abb., Gb., 36,00 €
ISBN 978-3-86225-111-7
(Erscheint im Frühjahr 2019)
Einzigartige Dokumente zur Geschichte der Kernforschung im Dritten Reich.

 

Operation Epsilon

Von Dieter Hoffmann

„Wenn ich die Psychologie der Deutschen nicht völlig falsch einschätze, müssen sie sich mit Volldampf an die Arbeit gemacht haben, spätestens seit Stalingrad.“

Dies schrieb der ungarisch-amerikanische Physiker Leo Szilard im Sommer 1944 an den englischen Physiker und Churchill-Berater Lord Cherwell. Beide wussten, um was es ging, hatten sie doch viele Jahre in Berlin gelebt und studiert; als Physiker waren sie über die wissenschaftlichen und politischen Konsequenzen jener Jahrhundertentdeckung ihrer einstigen Berliner Kollegen Otto Hahn und Fritz Straßmann aus erster Hand informiert. Diese hatten im Winter 1938/39 experimentell nachgewiesen, dass bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen der Atomkern »zerplatzt« und dass bei diesem Spaltvorgang eine große Menge Energie freigesetzt wird. Den Physikern in aller Welt war sehr schnell klar geworden, dass mittels einer Kettenreaktion die im Atom eingeschlossene Energie technisch und militärisch nutzbar gemacht werden konnte. Viele von ihnen – insbesondere die seit 1933 aus Deutschland vertriebenen Wissenschaftler – waren über diese Perspektive tief beunruhigt, denn Deutschland, das Entdeckerland der Urankernspaltung, verfügte über ein bedeutendes wissenschaftliches und technisches Potential für die Ausnutzung dieser Entdeckung. Anfang 1939 schickte sich Hitler an, mit der Annexion der Tschechoslowakei seine aggressiven Welteroberungspläne mit aller Macht voranzutreiben; der zweite Weltkrieg stand unmittelbar vor der Tür. Leo Szilard lebte zu dieser Zeit als Emigrant in den Vereinigten Staaten. Würde Deutschland einen Vorsprung in der technischen Nutzung der Kernenergie erringen, soviel war ihm klar, dann könnte dort eine Bombe mit bislang unbekannter Sprengkraft entwickelt werden, und die Nazis hätten damit ein wirksames Mittel in der Hand, die Welt zu erpressen. Getrieben von dieser Furcht, suchte Szilard im Sommer 1939 nach Mitteln und Wegen, die amerikanische Regierung über die Möglichkeiten einer deutschen Superbombe zu informieren. In Albert Einstein fand er einen ebenso prominenten wie besorgten Mitstreiter. In einem Brief, den Szilard und sein Physikerkollege Eugene Wigner entworfen hatten und den Einstein am 2. August 1939 unterzeichnete, wurde der amerikanische Präsident darauf hingewiesen, dass das »neue Phänomen auch zum Bau von Bomben führen würde und es vorstellbar ist …, dass außerordentlich starke Bomben des neuen Typs hergestellt werden«.[2] Diese Warnung, die auch den Hinweis einschloss, »dass Deutschland den Verkauf von Uran aus tschechoslowakischen Gruben eingestellt hat«, initiierte schließlich über mehrere Zwischenstufen das amerikanische Atombombenprogramm. Im sogenannten »Manhattan Project« wurde ab 1942 mit einem bis dahin beispiellosen materiellen Aufwand und unter Beteiligung der angelsächsischen Wissenschaftselite sowie vieler Emigranten die amerikanische Atombombe entwickelt, die schließlich am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico erfolgreich getestet werden konnte.[3]

Alsos

Obwohl die amerikanischen Arbeiten zur Ausnutzung der Kernenergie sehr schnell gewaltige Fortschritte gemacht hatten – bereits im Dezember 1942 war durch Enrico Fermi in Chicago der erste Uranreaktor mit einer sich selbst erhaltenden und kontrollierbaren nuklearen Kettenreaktion in Gang gesetzt worden – und nach Stalingrad auch die Erfolge der Alliierten auf den Schlachtfeldern kaum mehr Zweifel an einer Niederlage Hitler-Deutschlands ließen, blieb ein schwer kalkulierbares Restrisiko: die Möglichkeit einer deutschen Atombombe oder anderer „Wunderwaffen“, die das Kräfteverhältnis grundlegend verändern und alle errungenen Erfolge mit einem Schlage zunichte machen konnten. Die Anstrengungen der Amerikaner richteten sich daher nicht nur auf die Entwicklung einer eigenen Atombombe, sondern zugleich auch darauf, möglichst viel über die deutschen Fortschritte auf diesem Gebiet in Erfahrung zu bringen. In enger Beziehung zum amerikanischen Manhattan-Projekt, doch aus Sicherheitsgründen von diesem administrativ wie personell streng getrennt, wurde im Herbst 1943 eine spezielle Geheimdienstgruppe gegründet, deren wichtigster Auftrag es war, Nachrichten über die deutschen Entwicklungsarbeiten im Bereich der Kernenergie zu beschaffen. Sie erhielt die Tarnbezeichnung „Alsos“ (nach dem griechischen Wort für „groves“, dt. „Hain“) und unterstand direkt dem militärischen Leiter des Manhattan-Projekts, Brigadegeneral Leslie R. Groves.

Über Zusammensetzung und Aufgaben dieses Spezialkommandos gibt Groves in seinen Memoiren den folgenden Bericht:

»Die Gruppe sollte sich aus dreizehn Militärs einschließlich Dolmetschern und nicht mehr als sechs Wissenschaftlern, Zivilisten oder Militärs, zusammensetzen. Zu ihr gehörten Leute, die fähig waren, durch Ausfragen und Beobachtung eingehende wissenschaftliche Informationen über Atomenergie herauszuholen. Ferner gehörten ihr Leute an, die mit den Forschungsprogrammen und Interessen sowohl der Vereinigten Staaten als auch Großbritanniens und, soweit wie möglich, unserer Feinde vertraut waren. Sie alle mussten allgemein über die Ausrüstung des Gegners Bescheid wissen und darauf vorbereitet sein, nicht nur militärische Laboratorien und Techniker ausfindig zu machen, sondern auch zivile Forscher, Techniker und Einrichtungen.«

Die Alsos-Mission wurde von Oberstleutnant Boris T. Pash befehligt, dem als wissenschaftlicher Berater Samuel A. Goudsmit zur Seite stand. Mit Goudsmit, einem holländischen Emigranten, war die Wahl auf einen Wissenschaftler gefallen, der als exzellenter Physiker über die notwendige Fachkompetenz verfügte, doch bisher nichts mit dem Manhattan-Projekt zu tun gehabt hatte; bei einer möglichen Gefangenschaft hätte er somit kaum etwas über das streng geheime amerikanische Atombombenprojekt verraten können. Hinzu kam, dass er fließend deutsch und französisch sprach und mit vielen der führenden deutschen Atomforscher persönlich bekannt war.

Ihre Feuertaufe erhielt die Grovessche Spezialeinheit bei der Befreiung Süditaliens im Winter 1943/44. Die in Rom und anderen italienischen Forschungszentren gewonnenen Informationen waren jedoch so dürftig – die Italiener waren nicht in ein deutsches Kernenergieprogramm einbezogen –, dass man schnell wieder in die Vereinigten Staaten zurückkehrte. Einen sehr viel größeren Erfolg konnte Alsos im Sommer 1944 nach der Invasion der alliierten Streitkräfte in Frankreich verbuchen.

Zunächst begann aber auch hier alles mit einem Misserfolg beziehungsweise einer Enttäuschung. Als Ende August 1944 Paris befreit wurde, gehörte zu den Vorauskommandos auch eine kleine Einsatzgruppe der Alsos-Mission, die den französischen Kernphysiker Frédéric Joliot-Curie ausfindig machen sollte. Man wusste, dass während der Besatzung zahlreiche deutsche Wissenschaftler am Joliotschen Institut gearbeitet hatten, verfügte es doch u. a. über ein leistungsfähiges Zyklotron. Die Befragungen Joliot-Curies brachten indes kaum neue Erkenntnisse mit Ausnahme derjenigen, dass von den Deutschen in Paris keine militärisch relevanten Forschungen betrieben worden waren.[5]

Ganz anders stellte sich die Situation drei Monate später Ende November dar, als das elsässische Straßburg besetzt wurde. Straßburg war Sitz der sogenannten Reichsuniversität, an der zwei deutsche Atomforscher wirkten, die auf der „Fahndungsliste“ der Alsos-Mission ganz oben standen: Rudolf Fleischmann und Carl Friedrich von Weizsäcker. Insbesondere Weizsäcker hatte die Phantasie des amerikanischen Geheimdienstes geweckt, tauchte sein Name doch bereits im eingangs erwähnten Brief Einsteins an Roosevelt auf. Als Schüler und einer der engsten Mitarbeiter Werner Heisenbergs, den man gemeinhin als Kopf der deutschen Uranforschung ansah, gehörte er zu den talentiertesten und leistungsfähigsten jüngeren Physikern in Deutschland. Zugleich war er der Sohn des Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker, eines der höchsten und einflussreichsten Beamten im deutschen Auswärtigen Amt. Durch diese Verbindung – so die amerikanischen Vermutungen – waren die deutsche Regierung und nicht zuletzt Hitler selbst über die Bedeutung der Urankernspaltung und ihre militärischen Konsequenzen aus erster Hand informiert.

Das deutsche Uranprojekt

[...]

[1] Leo Szilard, His Version of the Facts, Seleced Recollections and Correspondence., Ed. by Spencer R. Weart and Gertrud Weiss Szilard, Cambridge (Mass.) 1978., S. 193.
[2] Albert Einstein, Über den Frieden, hrsg. von Wonatran und Heinz Norden, Bern 1975, S. 310.
[3] Vgl. Richard Rhodes, Die Atombombe oder die Geschichte des 8. Schöpfungstages, Nördlingen 1988.
[4] Leslie R. Groves, Jetzt darf ich sprechen, Die Geschichte der ersten Atombombe, Köln/Berlin 1965, S. 192.
[5] Hoover Institution, Stanford. Pash Papers. Box 1, Folder 24.

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