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Die Welteislehre

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 (2000) (2000)

Brigitte Nagel
Die Welteislehre
Ihre Geschichte und ihre Rolle im »Dritten Reich«
188 Seiten, zahlr. Abb., Pb., 29,50 Euro
ISBN 978-3-928186-55-1
Etliche Repräsentanten des »Dritten Reiches« zählten zu den Anhängern der skurrilen Lehre, die mit dieser Untersuchung erstmals wissenschaftlich aufgearbeitet wurde.

 

Vorwort

Die Welteislehre, deren geschichtliche Entwicldung in der vorliegenden Schrift dargelegt wird, verdient aus einer Reihe von Gründen unsere Aufinerlssamkeit. Es handelt sich erstens um ein bemerkenswertes kulturgeschichtliches Phänomen: Um die Jahrhundertwende, als jedermann in Europa von dem großen naturwissenschaftlichen Zeitalter sprach, in das die Menschheit nunmehr eingetreten sei, entstand eine Pseudowissenschaft, die schließlich Millionen von Anhängern zählte. Offensichtlich gehörten der Begründer der Welteislehre, der Wiener Kälteingenieur Hanns Hörbiger und seine ersten Jünger zu den Bewunderern der Wissenschaft Sie wollten selbst als Gelelute gelten, weshalb sie auch die Wissenschaftssprache kopierten und ihre seltsame lehre die »Glazial-Kosmogonie« nannten. Der Meister und seine Jünger erstrebten nichts sehnlicher als die Anerkennung der Fachleute. Erst als die Anerkennung ausblieb, entwickelten sich bei ihnen Ressentiments gegen die Wissenschaft. Diese Ressentirnents waren es dann offenbar, die der Welteislehre in den zwanziger und dreißiger Jahren viele neue Anhänger zutrieb. Die Geschichte der Welteislehre wirft also ein Licht auf unser von der Wissenschaft geprägtes Jahrhundert und ein damit verbundenes, wohl noch immer ungelöstes Problem: Offensichtlich ist es nicht genügend gelungen, für die Methoden und Denkweisen der Wissenschaft genügend Verständnis in den breiten Schichten zu erreichen.

Damit sind wir schon beim zweiten Aspekt, der die Welteislehre für uns interessant macht: Es trägt unseres Erachtens erheblich zum Verständnis des Dritten Reiches bei, wenn man in Betracht zieht, daß viele der höchsten Funktionäre – angefangen bei Adolf Hitler und Heinrich Himmler – überzeugte Anhänger der Welteislehre gewesen sind Von Anfang an auf einen Eroberungskrieg eingestellt, verzichteten die Nationalsozialisten gleichwohl darauf, die Wissenschaft konsequent in den Dienst der Rüstung zu stellen. Im Juli 1938 schloß der Reichsführer SS seine Untersuchung des »Falles Werner Heisenberg« ab und schrieb an Reinhard Heydrich, daß sie es sich nicht leisten könnten, »diesen Mann, der verhältnismäßig jung ist und Nachwuchs heranbringen kann, zu verlieren oder tot zu machen«. Es heißt dann in diesem Brief weiter, daß sie Heisenberg eines Tages vielleicht brauchen könnten. Wir wissen, daß ein halbes Jahr später Otto Hahn und Fritz Strassmann die Kernspaltung des Urans entdeckten und die Menschheit damit in das Atomzeitalter eintrat. Heinrich Himmler aber hielt es für geboten, Heisenberg »als guten Wissenschaftler zu einer Zusammenarbeit mit unseren Leuten von der Welteislehre zu bringen«. Dieser Vorschlag ist mit der Idee vergleichbar, eine moderne Sternwarte zu bauen, um die Qualität der Horoskope zu verbessern.

Hitler wollte die Stadt Linz, die er als seine eigentliche Heimat ansah, zur großen Donaurnetropole ausbauen. Auf dem Pöstlingberg sollte ein Monumentalgebäude als »Denkmal der drei großen Weltbilder« entstehen, der Weltbilder von Ptolemäus, von Kopernikus und von Hanns Hörbiger! Ein witziger Zeitgenosse bemerkte: Von der Astronomie auf die Medirin übertragen, bedeute dies: Hippokrates, Paracelsus und Sanitätsgefreiter Neumann.

Als dritter Aspekt, der die Welteislehre auch heute noch interessant macht, sehe ich die Möglichkeit für unsere Studenten, an ihr das wissenschaftliche Instrumentarium zu erproben, das die Physiker seit dem 17. Jahrhundert (und später auch die Erkenntnistheoretiker wie Karl Popper) entwickelt haben, um eindeutig zwischen einem »Roman« (wie Descartes' Weltmodell) und einem »Meisterwerk« (wie Newtons Mechanik) unterscheiden zu können.

Karl Popper hat meines Erachtens den Punkt getroffen, als er sagte, daß es die Falsitizierbarkeit ist, die eine wissenschaftliche Theorie von einer pseudowissenschaftlichen unterscheidet. Einstein bezeichnete genau die Effekt, bei denen seine Allgemeine Relativitätstheorie andere Voraussagen liefert als die bisher als richtig angesehene klassische Mechanik. Hanns Hörbiger lehrte, daß der Mond von einem 50 km dicken Eispanzer umgeben ist Auch als schließlich Menschen die Mondoberfläche betraten, hielt der Schauspieler Paul Hörbiger, ein Sohn und gläubiger Jünger Harns Hörbigers, an der These fesL In seinen lebenserinnerungen liest man, daß dieses »ewige Eis« unter einer Oberflächenschicht zu finden sei.1

Stuttgart, den 7. Februar 1991
Armin Hermann

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