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Unsichtbares Licht? Dunkle Wärme? Chemische Strahlen?

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 (2007) (2007)

Klaus Hentschel
Unsichtbares Licht? Dunkle Wärme? Chemische Strahlen?
Eine wissenschaftshistorische und -theoretische Analyse von Argumenten für das Klassifizieren von Strahlungssorten 1650-1925 mit Schwerpunkt auf den Jahren 1770-1850
665 Seiten, 85 Abb., Pb., Vergriffen
ISBN 978-3-928186-84-1
(Inhaltsidentisches E-Book/PDF verfügbar.)
Umfangreiche Untersuchung über die historische Veränderlichkeit der Klassifikation von Strahlen.

Einleitung

Kostenlose Leseprobe aus dem E-Book/PDF-Ausgabe auf
ISBN 978-3-86225-631-0

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Welche Argumente bringen Naturwissenschaftler dazu, in neu erschlossenen Phänomenbereichen ein Wirken grundlegend neuer Entitäten zu sehen, die nicht auf den Kanon jeweils schon bekannter Ursachen reduziert werden können? In welcher Weise etablieren sie deren wechselseitige Abgrenzung, wie rechtfertigen sie diese ontologischen Raster, die sie den untersuchten Phänomenbereichen unterlegen? Und mit welchen Argumenten weisen sie Forderungen nach Vereinheitlichung, die ihnen von Anhängern reduktionistischer Modelle entgegengehalten werden, zurück? Diese Fragen sind es, denen im folgenden anhand etlicher Beispiele über das Verhältnis von Licht zu Wärme nachgegangen werden soll. Es wird deutlich werden, daß diese Frage bereits im 18. Jahrhundert intensiv diskutiert wurde und Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Entdeckung neuer Phänomene in den Randbereichen des optischen Sonnenspektrums nur noch virulenter wurde.

Mit welchen Argumenten wurden (und werden) in den Naturwissenschaften bestimmte Objekte als eng verwandt miteinander in eine Kategorie eingestuft, andere hingegen terminologisch und sachlich abgegrenzt? Inwieweit bleiben die für eine bestimmte Klassifikation vorgebrachten Argumente, strukturell gesehen, über die zahlreichen Verschiebungen in der Geschichte jener wissenschaftlichen Taxonomien unverändert? Gibt es fachspezifische Präferenzen für (oder gegen) bestimmte Typen von Argumenten, und was passiert mit jenen Klassifikationsrastern während disziplinärer Umbrüche wie etwa in der sog. Sattelzeit von 1770–1830 (dazu mehr auf S. 25ff.), in der sowohl die Chemie als auch die Physik tiefgreifende kognitive und soziale Transformationen durchlaufen? Inwiefern finden sich strukturelle Parallelen zu anderen Wissensumbrüchen (z.B. um 1900)?

Anhand eines Clusters interdisziplinärer Fallstudien zur Deutung von Licht, Wärmestrahlung und chemisch wirksamer (UV-)Strahlung im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, sowie zur Deutung von Röntgen- und Gammastrahlung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert soll diesen Fragen hier nachgegangen werden. Schon während der Arbeiten an meiner Habilitationsschrift über Rotverschiebung im Sonnenspektrum fielen mir die historisch stark umstrittenen Klassifikationen der verschiedenen Anteile des Spektrums als etwas auf, der näher untersucht werden sollte. Zur Exploration einzelner dieser Sektoren gibt es bereits Spezialuntersuchungen, so etwa die Aufsatzserien von E. Scott Barr oder E.H. Putley zur Entdeckung des Infraroten oder E.N. Harvey zur Geschichte der Untersuchungen zur Phosphoreszenz. Viele dieser älteren Studien kranken jedoch an linearisierter Darstellung typischer Whig-Historiographie, während neuere Untersuchungen ihre Fragestellungen oft ganz am Einzelfall orientieren und sich einer vergleichenden Analyse sperren. Wir werden mit wissenschaftshistorischen und -theoretischen Methoden die von den historischen Akteuren jeweils vorgebrachten Argumente analysieren und streng nach dem Stand des Wissens der Zeit bewerten. Jenseits von Whig-Historiographie und retrospektiver Verortung in heutigen Disziplinen soll dennoch nach kontextübergreifenden Gemeinsamkeiten jener taxonomischen Argumente gesucht werden, die viel weniger historisch veränderlich sind als die Klassifikationsraster selbst.

Der mir persönlich wichtigste methodische Aspekt meines Forschungsprojektes ist die systematisch vergleichende Anlage. Schon in meinem Pilotaufsatz über den angelsächsischen Chemiker John William Draper wurden die ermittelten Argumentationsstrategien so beschrieben, daß sie leicht auf andere Vergleichsfälle übertragen werden können. An diesem Beispiel habe ich also bereits gezeigt, wie sich seine über drei Jahrzehnte hinweg entwickelnden Argumente für die Existenz sog. 'Tithonic Rays' (Strahlen mit chemischer Wirksamkeit) acht Grundtypen von Argumenten abzeichnen, die er immer wieder benutzte (siehe Abschn. 6.2). Dabei geschah die Ausformulierung jener argumentativen Grundtypen bewußt so, daß eine leichte Übertragung auf andere Fälle möglich wird. Dieses Verfahren wurde auch in der vorliegenden Studie übernommen. Die sehr viel breitere Materialbasis führte zu einer Ausweitung des Satzes voneinander abgrenzbarer Argumente auf nunmehr sechzehn, deren Vorkommnisse in den Primärtexten zwischen 1700 und 1900 im Haupttext ausführlich im einzelnen (häufig anhand wörtlicher Zitate) nachgewiesen wurde und im Anhang Tabelle 8.6 (S. 589) zusätzlich in tabellarischer Form zusammengestellt ist.

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Die vollständige Einleitung kann unter dem Punkt "Links" als PDF heruntergeladen werden.

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