Verlag für Geschichte
der Naturwissenschaften
und der Technik

Wie alt ist die Welt?

Übersicht | Inhalt | Einführung | Links

 (2026) (2026)

Christoph Maulbetsch
Wie alt ist die Welt?
Friedrich Paneth (1887–1958) auf den Spuren der Materie. Über einen Chemiker, der mit kleinsten Stoffmengen großen Fragen nachging – von Radioelementen und freien Radikalen bis zu Meteoriten und Kosmochemie.
543 Seiten, 45 Abb., Gb., 68,00 Euro
ISBN 978-3-86225-149-0
(Erscheint am 15. September 2026.)
Ein Chemiker des 20. Jahrhunderts zwischen Radioaktivität, Isotopenforschung, Exil und früher Kosmochemie.

Aus der Einleitung

Im Kreise seiner Kolleginnen und Kollegen galt der Chemiker Friedrich Adolf Paneth (1887–1958) vielen als nobelpreiswürdige Koryphäe; von 1932 bis 1958 wurde er 34-mal für den Chemie-Nobelpreis nominiert. Ein seltenes Phosphatmineral trägt den Namen „Panethit“ und auf der dunklen Seite des Mondes, in direkter Nachbarschaft von „Smoluchowski“ und unweit von „Volta“, liegt der Krater „Paneth“. Trotz dieser großen Anerkennung verbinden die meisten Chemiker heute mit dem Namengeber weder eine besondere wissenschaftliche Leistung noch eine Photographie oder Lebensdaten. Gerade weil einige seiner Beiträge mittlerweile zum festen Wissensbestand der Chemie gehören, fragt kaum noch jemand nach ihrem Urheber oder ihrer Entstehung. Zu nennen sind hier die Idee für die Tracermethode, die er zusammen mit Georg Hevesy erstmals angewandt hat, die Synthese einiger Metallhydride, die „Fajans-Hahn-Paneth-Regeln“ und die Begriffe „Reinelement“ und „Mischelement“. Die frühen Arbeiten von 1913 bis Mitte der 1920er Jahre weisen Friedrich Paneth vornehmlich als Radiochemiker aus. Darum bestrebt, auch als Physikochemiker anerkannt zu werden, wandte er sich der Mikroanalytik von Helium zu. Mit dieser Technik sollte die Fusion von Wasserstoffatomen zu Helium nachgewiesen werden. Die Publikation scheinbar positiver Ergebnisse löste bei den Zeitgenossen einiges Aufsehen aus, erwies sich aber als unhaltbar. Nach dem „Cold-Fusion-Fiasko“ von 1989 hat ihm das die zweifelhafte posthume Ehre eingetragen, als Pionier dieser Gattung fehlgeleiteter Versuche genannt zu werden. 1929 konnte Friedrich Paneth mit seiner Arbeitsgruppe erstmalig freie Alkylradikale in der Gasphase nachweisen – der spektakuläre Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Die in den 1920er Jahren begonnene Altersbestimmung von Eisenmeteoriten mit der Uran-Helium-Methode scheiterte; Untersuchungen zur Zusammensetzung der Atmosphäre war ein gemischter Erfolg beschieden.

Nach seinem Tod im Jahre 1958 wurde der Chemiker gelegentlich in populärwissenschaftlichen Werken erwähnt und 1964 erschien unter dem Titel „Chemistry and Beyond“ ein Sammelband unter anderem mit seinen chemiehistorischen Arbeiten.

Ein Aufsatz „Über die erkenntnistheoretische Stellung des chemischen Elementbegriffs“ aus dem Jahr 1931 wurde von Eva und Heinz Paneth ins Englische übersetzt und ist 1962 nochmals publiziert worden. Seither war Friedrich Paneth weitgehend in Vergessenheit geraten und wurde von Wissenschaftsphilosophen oder -historikern kaum beachtet. Durch die erneute Publikation des genannten Aufsatzes in der Zeitschrift Foundations of Chemistry im Jahr 2003 aber erhält er als einer der wenigen Chemiker, die sich vor etwa 100 Jahren auf das Terrain der Philosophie gewagt hatten, verstärkt Aufmerksamkeit, insbesondere da sich ungefähr zeitgleich eine „Philosophy of Chemistry“ als eigenständige Disziplin herauszubilden begann. Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker interessierten sich für sein Schicksal als einen vom NS-Regime 1933 vertriebenen Wissenschaftler, der nach dem Exil in Großbritannien 1953 als Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz nach Deutschland zurückkehrte.

[…]

Übersicht | Inhalt | Einführung | Links