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Fortschrittsfeinde im Atomzeitalter?

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 (1991) (1991)

Rolf-Jürgen Gleitsmann; Günther Oetzel
Fortschrittsfeinde im Atomzeitalter?
Protest und Innovationsmanagement am Beispiel der frühen Kernenergiepläne der Bundesrepublik Deutschland
(Technikdiskurse. Karlsruher Studien zur Technikgeschichte. Band 5)
212 Seiten, 26 teilw. farbige Abb., Pb., 20,00 Euro
ISBN 978-3-86225-101-8
Über die Anfänge der Protestbewegung gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie.

 

Einleitung und Vorbemerkung

Der Gegenstandsbereich der frühen bundesdeutschen Kernenergiegeschichte, zumindest soweit es die ersten Proteste gegen die friedliche Nutzung dieser Technologie zur Energiegewinnung bzw. als Versuchsreaktor in den 1950 er Jahren betrifft, muss nach wie vor als terra incognita bezeichnet werden.

Offenbar haben zu dieser Thematik der Aufbruch in das »Wirtschaftswunder«, die Technologieeuphorie in den frühen Jahren der Bundesrepublik, die platte Zukunftsgläubigkeit innerhalb der wirtschaftlichen, technischen und politischen Eliten der damaligen Zeit, sowie die Stilisierung der Kernenergie zur zukünftig unverzichtbar scheinenden Hoffnungsträgertechnologie im Energiebereich und als Garant für Wachstum, Wohlstand und sozialen Frieden, den Blick auf das verstellt, was es eben auch gab, nämlich die Angst vor dem Atom.

Dieses hatte sich im öffentlichen Bewusstsein zunächst und in allererster Linie mit den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki als Kraft unvorstellbarer Zerstörung eingebrannt. Und die Doktrin des »atoms for peace« waren einer staunenden Öffentlichkeit erst durch eine beispiellose Propagandakampagne der Vereinigten Staaten von Amerika im Dezember 1953 vor Augen geführt worden. Und dies, wie wir heute wissen, mit der weltpolitisch keineswegs uneigennützigen Absicht, den politischen Widersacher Sowjetunion nicht nur moralisch ins Abseits zu drängen, sondern deren nukleares Spaltmaterial soweit unter UN-Kontrolle zu bringen, dass die atomare Vormachtstellung der USA auf lange Zeit hin gesichert sein würde.

Den beabsichtigten politischen Intentionen zum Trotz »zündete« die Idee des friedlichen Atoms derart, dass unter den Staaten der Welt nicht nur ein Wettlauf um amerikanische Versuchsreaktoren einsetzte, sondern die propagierten Segnungen einer friedlichen Atomnutzung zur allgemein unumstrittenen Doktrin sowohl der politischen wie auch wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Eliten avancierte. Diese Atomeuphorie ging, um hier nur ein schier unglaubliches Beispiel zu nennen, in der jungen Bundesrepublik sogar soweit, dass Bundeskanzler Konrad Adenauer von seiner außenpolitischen Grundposition zum Status von West Berlin abrückte, nur um zu erreichen, dass die Vereinigten Staaten an »Westdeutschland« zwei statt eines Versuchsreaktoren liefern würden, nämlich einen für die Bundesrepublik und einen für West Berlin.

Im Hinblick auf die Erlangung des eigenen Zugriffs auf die Zukunftstechnologie »Atomkraft« schien mithin keine Bürde, die es auf sich zu nehmen galt, zu schwer zu wiegen. Atomtechnologie, das war Zukunft, das war Notwendigkeit, das war unverzichtbar für Aufbau und Bestand jedweder Industrienation. Kernenergie verhieß Wirtschaftswachstum, Energie fast zum Nulltarif, das fruchtbar machen von Wüstenregionen und vieles Positive mehr für die gesamte Menschheit. Vor dem Hintergrund derartiger Visionen blieb für Skepsis oder gar Furcht vor der Kernenergienutzung kein Raum. Für jedwede Angst oder Sorge vor dem friedlichen Atom bestand danach keinerlei Ursache. Im Gegenteil, diese werden, zumindest für den zivilen Bereich der Energieerzeugung, als völlig unbegründete Hirngespinste einiger weniger und sachlich kenntnisloser weltferner Querulanten abgetan, die sich dem Fortschritt völlig unverständlicher Weise in den Weg zu stellen versuchen und so die Zukunft der Bundesrepublik gefährden. Auf dem Spiel stehen nicht nur Wirtschaftswachstum und Exportperspektiven, sondern während des Kalten Krieges im Wettlauf der Systeme auch der Sieg über den ideologischen Feind im Osten.

Wer sich mithin kritisch zur Kernenergienutzung äußert, wäre nicht nur als »Technikfeind« zu brandmarken, sondern stelle sich ausdrücklich gegen die Interessen der Bundesrepublik und ihrer Bürger. Und die Konsequenz hieraus liegt klar auf der Hand. Einer kleinen Gruppe von realitätsfernen »Querulanten« aus Kleingeistern, Heimattümlern, Provinzpolitikern und »Atomreaktionären«, denen jedweder Weitblick in Sachen nationaler Interessen der Bundesrepublik abzusprechen ist, darf keinesfalls die Möglichkeit geboten werden, sich dem Fortschritt in den Weg zu stellen.

Im Gegenteil: ihnen ist mit aller Macht der Vernunft, technisch- wissenschaftlichem Sachverstand sowie Autorität entgegenzutreten.

Wenn diese Analyse und Situationsbeschreibung zuträfe, wäre die dargelegte Schlussfolgerung mithin durchaus folgerichtig und verständlich. Aber traf sie zu?

Zu konstatieren ist, dass von der historischen Forschung bisher weder die Motive und Akteure, noch deren Zielsetzungen oder gar der Verlauf des frühen deutschen Protestes gegen die Kernenergienutzung aufgearbeitet worden sind.

Bei diesem Forschungsstand verwundert es wenig, wenn in der Öffentlichkeit über die frühen Proteste gegen die Ansiedlung einer »Bundesreaktorstation« in der Nähe von Karlsruhe selbst noch in jüngster Zeit sowohl unreflektiert, als auch unverständig und damit bar jedweder historischer Sachkenntnis ganz im Geiste der 1950er Jahre berichtet wird. Über die Träger des Protestes, ihre Motive, ihre Aktionen und die vermeintliche Skurrilität ihres Handelns wird schlichtweg nur gelächelt. Man begnügt sich damit, die »Fortschrittsfeinde« der Lächerlichkeit preiszugeben, und die Geschehnisse vornehmlich als »Provinzposse« zu interpretieren. Damit zeigte man aber nichts anderes als historische Unkenntnis. Bezeichnend für diesen Sachverhalt, also die Tradierung von Interpretationsmustern im Sinne der 1950er Jahre, die dem tatsächlichen Geschehen so nicht gerecht werden können, ist, was in einer Pressemeldung vom Mai 2009 über eine Rundfunksendung des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) zu »Orten des Erinnerns« im Hinblick auf die frühen Atomproteste bei Karlsruhe zu lesen ist. Auf die Frage der Reporterin: »Gab es damals denn gar keine Proteste, nur Atomeuphorie?« antwortet der Wissenschaftsredakteur des SWR: »Doch, es gab eine Minderheit. Dem zuständigen Revierförster war es gar nicht recht, dass seine Bäume gefällt wurden. Und viele wussten natürlich auch schon, was radioaktive Strahlung bewirken kann. Insbesondere im Umfeld des geplanten Standorts wehrten sich die Bauern. Sie haben gemutmaßt, sie könnten ihr Gemüse nicht mehr verkaufen, wenn dort eine Atomanlage hinkommt...« Dass all dies so nicht zutrifft, und nicht mehr und nicht weniger als nur alte Klischees über den frühen Kernenergieprotest kolportiert werden, ist vor dem Hintergrund des bisherigen Forschungsstandes wenig überraschend. Diese Ignoranz ist umso erstaunlicher, als der lokale Widerstand gegen die deutsche Reaktorstation zumindest im Ansatz differenzierter und komplexer in Publikationsorganen eines öffentlich-rechtlichen Senders, in einer überregionalen Wochenzeitung und in einer Zeitschrift einer führenden Nichtregierungsorganisation (NGO) in den letzten Jahren angesprochen wurde. Dieser Ansatz einer Neubewertung des regionalen Widerstands erfolgte personal über die Symbolfigur des Widerstandes: den Bürgermeister einer der betroffenen Hardtgemeinden, Max Borell.

Deshalb verfolgt die nachfolgende historische Analyse das Ziel, zu zeigen, was wirklich geschah, warum es geschah und wie wenig irrational dieser frühe Kernenergieprotest tatsächlich war. Sie wird die Motive der Handelnden offen legen, und zwar im Kontext der entsprechenden Zeitstimmung, die in der jungen Bundesrepublik der 1950er Jahre herrschte. Und dass hierbei nicht »baumvernarrte Förster« oder sonst wie skurrile oder weltfremde »Figuren« die Hauptrollen spielen und irrational agieren, um sich dem Fortschritt in den Weg zu stellen, bedarf, ohne die Ergebnisse der Untersuchung vorweg nehmen zu wollen, wohl kaum einer gesonderten Hervorhebung.

Diese Einschätzung hat sich inzwischen mehr als bestätigt. Bereits der erste Gegenstand intensiverer Forschungsbemühungen, nämlich die Klärung der Frage, wie es zur Wahl Karlsruhes als Standort für die erste deutsche Reaktorstation gekommen ist, hat offenkundig werden lassen, welche Spannweite das Thema aufweist. Es ging dabei nicht nur um Aspekte regionaler Wissenschafts-, Technik- und Wirtschaftsgeschichte, vielmehr befand man sich schnell in der »großen« bundesdeutschen Nachkriegspolitik. Man hatte mit Adenauer und der Frage deutscher Souveränität zu tun, schaute Politikern wie Ludwig Erhard, Franz-Josef Strauß, Gebhardt Müller, Hermann Veit, Günther Klotz und vielen anderen gewissermaßen während ihrer Arbeits- und Entscheidungsprozesse über die Schultern und gewann tiefe Einblicke in das »Machen« von Politik in den 1950er Jahren.

Als gleichermaßen viel versprechend und aufschlussreich empfahl sich der nun untersuchte und nachfolgend dargestellte Themenkomplex »Atomprotest«. Der erste regionale Widerstand gegen die Invention der neuen Technologie »Kernkraft« in der Bundesrepublik, um den es geht, hat zwischen 1955 und 1958 nämlich eine erhebliche Menge Staubes aufgewirbelt. Dennoch finden sich zu dieser brisanten Auseinandersetzung keine historischen Darstellungen. Selbst in den speziellen Studien zur deutschen Kernenergiegeschichte beschränken sich die Autoren bis heute auf einige wenige Sätze, die nicht mehr aussagen, als dass es zu Beginn des Baus der Karlsruher Reaktorstation wohl einige bald überwundene Schwierigkeiten mit der ländlichen Bevölkerung gegeben habe.

Wenn man jedoch die einschlägigen Archivalien des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, des Kernforschungszentrums Karlsruhe (später Forschungszentrum Karlsruhe (FZK), heute Karlsruhe Institute of Technology (KIT)), des Landratsamtes, des Stadtarchivs oder auch des Bundesarchivs Koblenz zur Hand nimmt, dann zeigt sich schnell, mit welcher vielschichtigen und facettenreichen Problematik man es auch hier wieder zu tun hat. Dies umso mehr, als auch noch Zeitzeugen, die am damaligen Geschehen an herausragender Stelle mitwirkten, das Bild, welches sich dem Historiker anhand trockenen Aktenmaterials eröffnet, durch eigene Erlebnisberichte abzurunden vermochten. Hier sind die Verfasser insbesondere den Professoren Karl Wirtz und Otto Haxel, der Stadträtin a.D. Toni Menzinger, Landrat a.D. Josef Groß sowie dem damaligen Justitiar der Kernreaktor Bau- und Betriebsgesellschaft, Dr.Eberhard Ziegler, zu Dank verpflichtet.

Unter inhaltlichen Gesichtspunkten gliedert sich die Untersuchung in vier Hauptkapitel. Das erste gibt eine Einführung in die generelle Problematik von wissenschaftlich-technischem Fortschritt und demokratischer Mitbestimmung, so wie sich die Thematik in den 1950er Jahren darstellte. Hier wird insbesondere die von dem Soziologen Helmut Schelsky formulierte und 1960 auch in der Zeitschrift »atomzeitalter« zur Diskussion gestellte These vom »technischen Staat« zu beleuchten sein.

Die folgenden Kapitel greifen in der Reihenfolge ihrer Nennung dann die einzelnen Stationen des Protests um die Reaktoransiedlung auf. Der Stadtratsentscheidung vom 20. September 1955 und ihren Hintergründen folgt die Auseinandersetzung mit dem Rahmengeschehen bei den Feierlichkeiten zur Gründung der Kernreaktor Bau- und Betriebsgesellschaft und schließlich wird der Widerstand der Hardtbevölkerung seit September 1956 eingehend analysiert. Hinzu kommt eine gesonderte Darstellung zur Thematik Atomenergie in der öffentlichen Meinung. Das abschließende Kapitel bildet schließlich eine zusammenfassende Schlussbetrachtung.

Um auch dem Leser ein möglichst authentisches, fassbares Bild von der Zeitstimmung der 1950er Jahre zu vermitteln, sowie der Forschung den Zugriff auf zum Teil noch unveröffentlichtes Quellenmaterial zu ermöglichen, haben sich die Verfasser darum bemüht, Quellenmaterial von zentraler Bedeutung als Zitat oder Quellenfaksimile in die Darstellung zu integrieren. Dem gleichen Zweck dient ein gesonderter Dokumentenanhang.

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