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Blide – Mange – Trebuchet: Technik, Entwicklung und Wirkung des Wurfgeschützes im Mittelalter

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 (2005) (2005)

Mark Feuerle
Blide – Mange – Trebuchet: Technik, Entwicklung und Wirkung des Wurfgeschützes im Mittelalter
Eine Studie zur mittelalterlichen Innovationsgeschichte
(Veröffentlichungen des 1. Zentrums für Experimentelles Mittelalter, Vechta, Band 1)
193 Seiten, 3. Aufl. 2012, 131 überwiegend farbige Abb., Pb., 35,00 Euro
ISBN 978-3-928186-78-0
Untersuchung über ein entscheidendes Kriegsgerät, das lange Zeit in der Forschung nur eine untergeordnete Rolle spielte.

 

Einführung

Das erste Zentrum für "Experimentelles Mittelalter" in Deutschland

In Deutschland gibt es seit über 20 Jahren eine historisch motivierte Bewegung, die sich von der politisch-alternativen der 80er Jahre abgesondert hat: die "Mittelalterszene". Konnte man anfänglich meinen, daß es den Vertretern nur um alternative Einkommensmöglichkeiten ging, so stellte sich bald heraus, daß es hier auch um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Epoche des Mittelalters und seinen Lebensformen ging. Die Spreu trennte sich vom Weizen: Veranstalter der ersten Mittelaltermärkte wie "Kramer, Zunft und Kurzweyl" legten strenge Richtlinien in Bezug auf Authentizität von Bekleidung und Präsentation der teilnehmenden Marktleute und Spielleute an. Wer diesen nicht entsprechen wollte oder konnte wurde ausgeschlossen.

Die frühen "Mittelalter Spectaculi" waren nicht nur eine neue Form von Jahrmarktveranstaltungen, sondern zunehmend ein Treffpunkt für Personen, die in ihrer Freizeit Abstand von ihrem Streßalltag suchten, in dem sie sich in eine andere Zeit versetzen. "Mittelalter" bedeutet ein archaisches Lebensgefühl, das die Abkehr von einem hochtechnisierten Umfeld mit Computern, Mikrowelle und Auto beinhaltet, das zumindest zeitweise versucht, der Anonymität und Vereinsamung der Großstädte zu entfliehen, das der Leistungs- und Ellenbogengesellschaft zu entkommen sucht. Wer das ganze Jahr (April bis Oktober) von einem Markt oder Heerlager zum anderen zieht, zeigt sich selber, daß er oder sie sich ein Stück Unabhängigkeit und Freiheit bewahrt hat (scheinbar oder real?). Wer sich auf offenem Feuer aus rohem Gemüse und Fleisch ein Essen zubereitet hat, beweist sich, daß er/sie noch ohne Konserven und Tiefgefrorenes auskommen kann, nimmt sich Zeit für sich, seine Tischgenossen und seine Mahlzeiten, stimuliert auf ungewohnte Art und Weise seine Geschmacksnerven. Wer die Nacht auf Stroh und unter Felldecken im Zelt zugebracht hat, verläßt den geschützten Raum und die Abgeschirmtheit seiner eigenen vier Wände und entdeckt das Schlafen neu. Wer sich seine Schuhe und Kleidung selbst hergestellt hat, wird seinem normalen "Outfit" nur noch Alltäglichkeit zubilligen. Und wer gar in einer nachgestellten mittelalterlichen Schlacht mitgekämpft hat, wird Angst, Mut, Vertrauen und sein eigenes Körpergefühl neu definieren.

Diese Herausforderungen, diese Grenzerfahrungen bei dem Versuch, mittelalterliches Leben nachzuvollziehen, suchen heute in Deutschland weit mehr als 500.000 Menschen. Die "Mittelalterszene" ist inzwischen eine Massenbewegung geworden, die weiter ungebrochenen Zulauf erfährt. In einer Zeit des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchs suchen viele Menschen eine neue Orientierung, einhergehend mit einer neuen Definition ihrer ethischen Werte. Viele wenden sich dabei romantisierend der Geschichte, speziell dem Mittelalter zu.

In der Epoche des Historismus im 19. Jahrhunderts fand ein ähnliches gesellschaftliches Phänomen statt. Aus dieser Zeit ist eine Vielzahl von mittelalterlichen Repliken – von Handwerkzeug/Kleidung über Waffen bis hin zu architektonischen Nachbauten mittelalterlicher Häuser – auf uns gekommen. Hervorragende lexikalische und enzyklopädische Werke über die mittelalterliche Sachkultur wurden publiziert. Man führte Theaterstücke auf der Grundlage mittelalterlicher Stoffe in authentischer Kleidung auf.

Der Unterschied zwischen der heutigen Zeit und der des Historismus ist aber der inzwischen fast vollständige Verlust von praktizierbarem altem Wissen im Bereich der Haushaltsführung, des Handwerks, der Landwirtschaft, der Medizin u.v.m.. Der Umbau zur modernen Gesellschaft ist so radikal verlaufen, daß wir z.B. inzwischen nach China fahren müssen, um zu erfahren, wie pflanzengefärbtes Leder hergestellt wird.

Heute beginnen wir wieder, mit aufwendigen naturwissenschaftlichen und historischen Forschungen, uns dieses verlorengegangene Wissen anhand von mittelalterlichen Text- und Bildquellen zurückzuholen – in Anerkennung der hervorragenden Leistungen des mittelalterlichen Menschen bei der Schaffung seiner über Jahrhunderte nachhaltigen Sachkultur. Dabei sind die damaligen Lebensbedingungen zu berücksichtigen, unter denen diese entstanden. Da in den skandinavischen Ländern (vor allem in Dänemark und Schweden), in England, Frankreich, der Schweiz und Italien das Interesse am Mittelalter eine viel längere Tradition als in Deutschland hat, besteht die wissenschaftliche Aufarbeitung und öffentliche Rezeption der mittelalterlichen Sachkultur hierzulande immer wieder in der Gefahr, Erkenntnisse aus diesen Ländern auf Deutschland zu übertragen. Viel zu lange beschäftigte sich z.B. die deutsche Archäologie fast überwiegend mit der Vor- und Frühgeschichte und der Römerzeit. Erst in den letzten Jahren scheint das archäologische Interesse am Mittelalter zu wachsen.

Eine weitere Negativentwicklung in der Aufarbeitung mittelalterlichen Lebensformen ist über die inzwischen zu Hunderten in Deutschland existierenden Mittelaltermärkte entstanden.

Bei vielen Teilnehmern der Mittelalterveranstaltungen ist der anfängliche Anspruch nach Authentizität verlorengegangen. Mit der stetig steigenden Kommerzialisierung von sogenannten Histotainment-Events hält immer stärker der Fantasy- und Hollywood-Faktor Einzug. Das Mittelalter wird für den Besucher trotz hoher Eintrittsgelder kaum noch sichtbar, falsche Assoziationen werden geprägt und verfestigt.

Als vor zehn Jahren in Vechta das Museum im Zeughaus als Erlebnis- und Mitmachmuseum begründet wurde, wurde gleichzeitig im Konzept ein experimentelles Forschungsanliegen im Bereich der historischen Sachkultur festgeschrieben. Da sich ein Großteil des damaligen Sammlungsbestandes auf das Mittelalter bezog, wurde auch in diesem Zeitalter der Ansatz für die Museumsarbeit gelegt. Nach anfänglich nur auf das Schmiedehandwerk bezogenen Mitmachkursen zur Weitervermittlung des Wissens aus diesem Gewerk an interessierte Personen, wurde vor zwei Jahren das "Erste Zentrum für Experimentelles Mittelalter in Deutschland" gegründet. In diesem Zentrum finden seitdem jährlich Workshops statt, die von Fachleuten mittelalterlicher Sachkultur in den Bereichen Schmieden, Kochen, Geweihschnitzen, Gewandnähen, Lederarbeiten, Bogenbau, Schwertkampf, Laternenbau, Filzen und mit dem Jahr 2005 auch im Bereich Wurfmaschinenbau veranstaltet werden. Entscheidend für das Zentrumskonzept ist, daß diese Workshops alle parallel an den jeweiligen Wochenenden im März und November stattfinden, die Teilnehmer somit die Gelegenheit haben, bei den anderen Gewerken vorbeizuschauen. Daraus hat sich ein Rotationsprinzip bei den Teilnehmern ergeben, die häufig an aufeinanderfolgenden Terminen weitere Kurse belegen. Die Kurstermine liegen jeweils zu Beginn und Ende der Mittelalterjahressaison und dienen der Qualifizierung und Schulung der Teilnehmer von Märkten und Heerlagern. Dort kann das in den Fortbildungen erworbene Wissen an andere weitergegeben werden. In den Workshops wird größter Wert auf historische Authentizität gelegt. Alle Werkstücke oder Übungen sind aus erhaltenen mittelalterlichen Text- und Bildquellen von Experten ermittelt worden und werden weiter ermittelt. Die Workshops dienen als Diskussions- und Informationsforen, aus denen der momentane Wissenstand weiter entwickelt wird. Der Kontakt zu Universitäten und Einrichtungen der Landesarchäologie Niedersachsens ermöglicht eine ständige Kontrolle.

Ein weiterer Prüfstand für die Arbeit des Mittelalterzentrums ist die Öffentlichkeit bei den alljährlich Ende September stattfindenden Burgmannen-Tagen, dem mittelalterlichen Spectaculum mit Markt und Heerlager. Hieran nehmen die Schwertkampfgruppe und die Bogner des Zentrums mit eigenen Aktionen, Schaukämpfen und Turnieren teil.

Der Anspruch des Experimentellen Mittelalterzentrums ist, durch eine eigene Publikationsreihe dazu beizutragen, die Kenntnisse über das Mittelalter in all seinen Facetten zu erweitern. Wir hoffen zusammen mit dem Autoren dieses ersten Bandes der Reihe, Herrn Dr. Mark Feuerle, diesem Ziel ein wenig näher gekommen zu sein.

Wir danken Herrn Dr. Mark Feuerle ganz herzlich für seine hervorragende Ausarbeitung über die mittelalterlichen Hebelwurfgeschütze, der ersten zusammenfassenden Darstellung im deutschsprachigen Raum.

Axel Fahl-Dreger
Leiter des Zentrums

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